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Notruf-App für Gehörlose in der Schweiz

Blaulicht

Heute möchte ich ausnahmsweise mal etwas über etwas schreiben, was meine Firma – die Visisoft OHG in Rostock – entwickelt hat. Ich bin bei weitem nicht der Hauptentwickler in diesem Projekt, aber dennoch erhaltet ihr hier einen kleinen Einblick, womit ich mich u.a. so im Arbeitsalltag beschäftige.

Gehörlose Personen stehen im Alltag vor vielen Problemen, die wir Hörenden gar nicht als solche wahrnehmen. Besonders ernst sind in diesem Zusammenhang Notsituationen. Ist der Gehörlose hier auf sich allein gestellt, kann sie oder er nicht einfach den Notruf wählen. Die Notrufzentrale würde nicht viel verstehen und dem Anrufenden können weder Fragen gestellt noch Anweisungen oder Infos gegeben werden. Dies kann leider fatale Folgen haben. Glücklicherweise besitzen viele Gehörlose ein Smartphone. Und diese können – wieder zum Glück – mehr als nur telefonieren.

Bereits seit vielen Jahren nutzt die Schweizer Gehörlosenzentrale unsere (Visisofts) Live-Chat-Lösung yalst, um im Auftrag von Gehörlosen bei Hörenden anzurufen. Der Mitarbeiter chattet also mit dem Hilfesuchenden, während er gleichzeitig mit der Zielperson telefoniert. Das ist ein sehr kreativer Einsatz eines Chat-Systems, bei dem die Mitarbeiter der Zentrale als lebende Text-to-Speech- und Speech-to-Text-Schnittstelle fungieren. Hier geht es in der Regel um Gespräche mit Arztpraxen, Taxizentralen, Dienstleistern, Handwerkern oder Werkstätten. Aber auch Notrufe sind schon vorgekommen.

Gerade bei Notfällen wäre es aber gut, wenn hier der “Mittelsmann” entfallen könnte. Zum einen kann es auf jede Sekunde ankommen, zum anderen arbeitet der Chat-Service der Gehörlosenzentrale nur tagsüber an Werktagen. Daher haben wir von der Gehörlosenzentrale den Auftrag erhalten, eine App zu entwickeln, mit der Gehörlose sich direkt an den Notruf wenden können. Allerdings können Notrufzentralen selbst in der Schweiz keine Chats entgegen nehmen, sondern nur klassische Anrufe.

DeafVoice

Herausgekommen ist dabei die App “DeafVoice” (iPhone und iPad, kostenlos, nur im Schweizer App-Store erhältlich). Nach deren Installation gibt der Nutzer dort in den Einstellungen erstmal Name, Adresse und evtl. benötigte Medikamente sowie Vorerkrankungen ein. Das hat den Vorteil, dass diese Daten automatisch mit jedem Notruf übermittelt werden und nicht erst aufwändig und zeitintensiv abgefragt werden müssen.

In einer Notsituation braucht sich der Gehörlose dann nur durch 3-4 Multiple-Choice- Screens mit großen Icons zu bewegen:

DeafVoice Hauptbildschirm
DeafVoice Polizeibildschirm

Unser Server erzeugt daraus eine Audio-Version für die Notrufzentrale mit den Daten des Anrufenden und den Infos zum Notfall. Außerdem wird noch der Standort vom Smartphone übermittelt. Stellt der Server anhand der Geodaten fest, dass der Nutzer nicht zu Hause ist, wird die Anschrift aus den Einstellungen durch den tatsächlichen Standort ersetzt. Falls ermittelbar kann dies eine Adresse mit Straße und Stadt sein, ansonsten werden Koordinaten verwendet. Schließlich gibt es ja auch in der Schweiz abgelegene Gegenden. Im nächsten Schritt ruft der Computer via Voice-over-IP die zuständige Notrufzentrale an und spielt die soeben erzeugte Audio-Information ab. Dabei wird natürlich gleich zu Anfang darauf hingewiesen, dass es sich um einen Computer-generierten Anruf eines Gehörlosen handelt und auf Hochdeutsch geantwortet werden muss.

DeafVoice Chat

Gesprochene Antworten oder Rückfragen der Notrufzentrale nimmt unser Server ebenfalls entgegen und erzeugt daraus eine Textversion, die der Notrufende in seiner Smartphone-App sieht. Der Gehörlose kann nun wiederum Text eintippen (oder eine Standard-Antwort auswählen), den die Notrufzentrale wiederum als Audio erhält. Das kann so lange hin und hergehen, bis die Zentrale alle Infos hat, um Hilfe schicken zu können. In vielen Fällen sind aber keine Rückfragen nötig, da bereits die initiale Audio-Nachricht alle wesentlichen Daten und Fakten enthält.

Das folgende Video enthält einen kleinen Rundgang durch die App:

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Im Live-Betrieb in der Schweiz

Das System befindet sich seit dem 7. Dezember 2019 im Live-Betrieb. Die App wurde schon über 500 x heruntergeladen und hat schon eine ganze Reihe von Notrufen abgesetzt. Die Notrufzentralen wurden zuvor natürlich über diese neue Art von Notrufen informiert. Es gibt etwa 10.000 gehörlose Personen in der Schweiz. Weitere Infos findet ihr auf der Homepage der App.

Damit so ein System reibungslos funktioniert, mussten sehr viele technische und auch administrative Probleme gelöst werden. Daher ist die App samt Server- und Telefonnetz-Anbindung auch nicht von gestern auf heute entstanden. Am Ende überwiegt aber bei allen Beteiligten das unbeschreibliche Gefühl etwas geschaffen zu haben, was Menschen hilft, gerettet zu werden.

Andere Länder

Natürlich sind unser Partner in der Schweiz und wir an der Ausweitung auf andere Länder interessiert. Wer von meinen Lesern hierzu entsprechende Ansprechpartner kennt (oder es gar selber ist), sollte mich bitte unbedingt kontaktieren (E-Mail-Adresse).

Bildnachweis Titelfoto: iStock.com/Chalabala

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Über den Autor

Markus Jasinski

Markus Jasinski ist ein Rostocker Unternehmer, Naturwissenschaftler, IT-Spezialist, Autor, Dänemark-Fan, überzeugter Radfahrer und nicht zuletzt „Computer Geek“ und Smart-Home-Enthusiast. Sein erstes iPhone kaufte der promovierte Naturwissenschaftler im Jahre 2008, kurze Zeit später wurde er dann auch zum Mac-Nutzer. Nach und nach gesellten sich iPad, Apple TV und Apple Watch hinzu.

Um diese vielfältigen Interessen und Aktivitäten "unter einen Hut" zu bekommen befasst sich der gebürtige Westfale seit über zehn Jahren mit den Themen Selbstorganisation und Aufgabenmanagement, die ebenfalls ein Schwerpunkt dieses Blogs sind.

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